Moriz war zufrieden.

Ich bin im Gegensatz zu meinem Reisegefaehrten absoluter Liebhaber indischer Kueche und nahe am Vegetarier, trotzdem konnten (lies: wollten) wir an diesem wundervollen KFC nicht vorbei gehen. Noch weniger weil es mein Geburtstag gewesen ist und man sich zumindestens dann wie ein kulturimperalistischer Kleinbuerger benehmen darf,kulinarisch. Widersprich mir jetzt nicht.

Lektion 2: Verbrechen schmeckt nicht.

Abbildung aehnlich (c) google

Wer in Kerala Alkohol verkaufen will, braucht dafuer eine teure Lizenz, was praktisch einer Prohibition gleich kommt, nur waere es natuerlich nicht Indien wenn sich daran auch nur irgendjemand halten wuerde. Fuehrt jetzt dazu, dass (australisches) Bier in Teekannen und farbigen Plastikflaschen serviert wird,die ziemlich nach „Dreh & Trink“ aussehen. Jungbrunnen,ich fuehlte mich wieder wie zehn und dass ich die Flasche unter dem Tisch halten musste,um die Nerven des nervoesen Restaurantbesitzers zu schonen, tat sein uebriges. So weit so gut, nach dem ersten skeptischen Blick waren Moriz und ich guter Dinge, das erste gemeinsame Bier in Indien und das sogar noch durch den Reiz des Verbotenen gesuesst? Es waere nicht „Indien fuer Dummies“, wenn die Ernuechterung nicht sofort gefolgt waere. Der erste Schluck verzerrte mir nicht das Gesicht, es war weder bitter, noch schmeckte es nach Seife und Plastik,wie es die Flasche und die Schaumkrone vermuten ließ, es schmeckte aber leider auch nicht nach Bier. 1.5Euro fuer einen Schluck gewaessertes Hefezeug verloren und etwas begrenztes Heimweh gewonnen.

Lektion 1:

Wenn du vor einem Haus oder Geschaeft wartest, stelle unter allen Umstaenden sicher, dass du dich nicht direkt unter der Dachkante befindest.

Es dauert sonst eventuell nicht lange bis du eine warme Fluessigkeit auf deine Schulter rinnen spuerst und wenn du daraufhin zwei Schritte in Richtung Strasse machst, wirst du  sehen, dass es sich dabei leider nicht um den Sommernachtstraum von Regenwolke ueber dir handelt. Stattdessen ist es ein kleines Maedchen in der Hocke, das dir ein wirklich boeses Gesicht zeigt, als du es ebenso bloed wie fassungslos beim Pinkeln beobachtest.

ein industrieller Alptraum

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Wenige Kilometer waren es, die das Kraftwerk von 48.000 Menschen trennten

1986 (klick für ein unverzerrtes Bild)

Hoffnung

September ’09

16.03. 2011:

Mein neun Monate alter Beitrag weisst momentan 4400% mehr Zugriffe auf, als zu einem beliebigen Zeitpunkt vor dem 11. März um 6. 46 Uhr Wiener Zeit und mit jeder Hiobsnachricht aus Japan werden es mehr.

 

Eine Strasse in Yerewan, Gedanken an ein paar Fruechte im Markt vor mir, als mich jemand von hinten an der Schulter beruehrt und einfach „hi“ sagt. „you are not from here,right?“ Nicht allzuschwer zu erraten aber nun gut. Wer da ploetzlich vor mir stand, war Chelsea. 22, Amerikanerin mit armenischen Wurzeln und seit drei Monaten in Karabakh lebend, wie sie mir erzaehlte. Ich waere ein schlechter Spion, sie ist mir davor schon fuenf Minuten lang gefolgt, ohne das ich es merkte, um mich dann doch noch anzusprechen. Desperate endlich wieder Englisch reden zu koennen, nachdem die armenische Familie, bei der sie untergekommen ist kein Wort davon spricht und auch sonst niemand dort. Ganz habe ich zuerst nicht verstehen koennen, warum sie gerade in Karabakh gelandet ist, aber das wird sie mir spaeter noch erklaeren. Jedenfalls wollte ich ohnehin in dieses undefinierbare etwas. Karabakh ist armenisches Siedlungsgebiet in Aserbaidschan, de jure. In der Realitaet aber eine unabhaengige Republik, wenn auch von Yerewan gesteuert. War natuerlich nicht immer so, Schuld an den spaeteren Tragoedien war ein Schustersohn aus Gori, Stalin. Er integrierte dieses Gebiet in die damalige aserbaidschanische SSR obwohl es zu 95% von Armeniern bevoelkert war. Ueber die Gruende darf spekuliert werden, divide and rule klingt aber ganz gut. Proteste gab es damals auch schon dagegen, nur war die Sowjetunion defacto ein Staat, ein Leidensdruck damit nicht gegeben und deswegen eskalierte das ganze auch nicht. Ende der achtziger Jahre aenderte sich das aber langsam,und die Hoffnung auf Wiedervereinigung mit dem Mutterland wuchs,proportional die Spannungen zwischen den Ethnien, als die Nationalversammlung der Enklave im Jahr 1988 formell die Unabhaengigkeit von Aserbaidschan erklaerte. Als Reaktion darauf darf das an Armeniern veruebte Massaker von Sumquait und weitere Progrome gesehen werden, die natuerlich zu Racheaktionen ihrerseits fuehrten.  Was danach folgte war der verzweifelte Versuch mithilfe von sowjetischen (russischen u. ukrainischen) Truppen diese Krise wieder unter Kontrolle zu bekommen, was in der wenigen verbleibenden Zeit nicht mehr gelang, dafuer dann aber alle Parteien auf einer mehr oder minder grossen Anzahl von Waffen liegen liess, die einer der Hauptgruende fuer die Haerte des darauf folgenden Konflikts waren, der 1992 mit einem offenen Krieg seinen Hoehepunkt fand.
Warum Aserbaidschan , obwohl zahlenmaessig und technisch weit ueberlegen, verlor, darf  man bei Wiki nachlesen. Wichtig ist mehr das zwei Jahre spaeter ein Waffenstillstand unterzeichnet wurde, der trotz fortgesetzter Drohungen von aserbaidschanischer Seite und einzelner Scharmuetzel noch heute gilt.
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„We are our Mountains“  Das Nationalsymbol, auch ganz gross auf dem Visa zu sehen, das ich gebraucht habe. Dieser Mann klettert im Uebrigen nicht zum Spass dort rauf. An dem Tag fand eine Hochzeit statt und ein Foto ist Tradition. Fuer Chelsea die mir das erzaehlte, feministisch gesehen sehr fragwuerdig. Die Braut steht naemlich weit hinter dem Braeutigam, waehrend jener den Arm hebt, so dass es den Anschein hat, als wuerde er das Denkmal samt seiner zukuenftigen Ehefrau in der Hand halten. Eigentum.
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Durch Chelsea fanden wir schnell Kontakt zu einem ganzen Haufen Menschen, mit denen wir dann Taxifahrten teilten. Sieben Leute in einem kleinem Lada, der schon bessere Tage gesehen hatte, dazu armenischer Pop in einer Lautstaerke dass ich die Ohropax aus dem Rucksack kramen musste. Unbegeistert? Es war weit besser  als es  klingt. .
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Karabakh als beinahe komplett verwuestetes Gebiet ist einer der Lieblingsspielplaetze der armenischen Diaspora,was gelegentlich etwas kuriose Formen annimmt. Gutes fuer das Heimatland,edles Ansinnen,aber Berthold Brecht hatte manchmal doch recht.
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Nicht das ich ein Feind von fliegenden Eseln mit ueberdimensionalen Geschlechtsteilen waere, es passt dort aber einfach nicht hin. Ebenso wenig wie das Restaurant,das als Schiff designt wurde, auch wenn wir es natuerlich nicht lassen konnten, Titanic zu spielen.
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Es war seltsam, wie schnell ich mich an all die Zerstoerung gewoehnte. Ein ausgebrannter Wohnblock ist keinen Gedanken mehr wert, man stumpft wohl einfach ab, wenn man in einer Stadt lebt, wo gut die Haelfte der Gebaeude noch immer in Truemmern liegen.
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Tuerkische Friedhoefe und Moscheen wurden nicht angeruehrt, jedesmal wieder sagte man mir das die Armenier die moralisch ueberlegenen Menschen sind, was nicht allzu schwer zu glauben faellt, wenn man weiss,dass die Azeris Kirchen und christliche Friedhoefe systematisch dem Erdboden gleich gemacht haben. Dass die Armenier die kurdischen Doerfer menschenleer hinterliessen, unter anderem weil man sie als Muslime dem Feind nahe betrachtete, wurde verschwiegen.
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Agdam. Frueher eine azerische Stadt mit mehr als hunderttausend Menschen,heute ein voellig  seelenloser Ort. Ich haette nie gedacht,das Stille einmal so ohrenbetaeubend sein koennte.
Die Moschee ist eines der ganz wenigen Gebaeude die noch ein Dach haben, weswegen eine Herde Tiere darin Zuflucht fand. Es ist eine relativ boese Wahrheit,wenn ich sage, dass es architektonisch einem perfekten Kuhstall aehnelt. Nun gut.
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Ich wollte aber mehr auf das Minarett, der Blick ueber die Stadt schien viel zu reizvoll.
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..
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Was man dort oben beinahe vergessen konnte, ist das die Front am oestlichen Ende der Stadt verlaeuft und es deswegen etwas sensibel ist. Davon abgesehen, dass ich als Fremder diesen Ort eigentlich nicht betreten duerfte, von Fotos ganz zu schweigen..
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Wir hatten zum Glueck keine Probleme, vielleicht weil wir mit Einheimischen unterwegs waren, vielleicht auch weil das Taxi abgedunkelte Scheiben hatte und man uns deswegen nicht sah.

post scriptum:

Ich hab eine Zeit lang darueber nachgedacht, ob ich das hier ueberhaupt veroeffentlichen sollte, nachdem es doch Potenzial hat, so einige Menschen zu verletzen.  Sei es jetzt die umfunktionierte Moschee oder auch der Besuch dieses Landes (!) als ganzem, nur bin ich irgendwann zu dem Entschluss gekommen, dass diesen Leuten jegliches Recht dafuer fehlt. Sei es nur wegen des armenischen Genozids, der noch immer von hoechsten tuerkischen Stellen geleugnet wird.

post scriptum die zweite:
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Vielen Dank an D. fuer eines der nuetzlichsten Geschenke überhaupt. Das ominoese Kopfmassageding wird von jedem geliebt, quer durch die Kulturen. Vusal, der militante Azeri genauso wie diese Karabakhi . Davon abgesehen ist es toll, um haufenweise Eis zu brechen.

Aghdam

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Gibt es einen unwirklicheren Platz fuer einen Weihnachtsbaum als Aserbaidschan im August..? Natuerlich ist es mal wieder keine Absicht gewesen, aber ein wenig unglaeubig stand ich dann schon vor diesem Ungetuem in Zquatala.
Nach einer Nacht in einem Schlafsaal voll von Wanderarbeitern, nahm ich ein Taxi zum fuenf Kilometer entfernten Lagodheki-Grenzuebergang nach Georgien. Ich will Aserbaidschan nicht schlecht reden, aber ich bin trotzdem gluecklich gewesen, dieses Land in Richtung eines aufgeschlosseneren und weniger konservativen zu verlassen. Wenn auch nicht ohne die obligatorischen Abschiedtoasts und Wodkashots, auf die mich der Taxifahrer einlud und welche ihn nicht daran hinderten, danach den naechsten Fahrgast zu nehmen.

Der Uebergang selbst war dann voellig problemlos, und als einziger Auslaender genoss ich auf der georgischen Seite sogar bevorzugte Behandlung, „Awstria,Awstria“ hoerte ich in diesem aufgeschrecktem Wirrwarr von Uniformierten, waehrend ich mich noch ueber ein Schild wunderte, auf dem zu lesen war, dass dieser Gebaeudekomplex vom „U.S Army engineerscorpse“ errichtet wurde.
Ich habe viel Zeit um Geduld zu lernen. Mantra. Die Marshrutka faehrt erst in zwei Stunden nach Telavi? Grossartig, wenigstens sind es keine vier. Wenn mir diese Reise etwas gebracht hat, dann den Zwang alles positiv zu sehen, geruechteweise soll das fuer den Seelenfrieden ganz gut sein.
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Das huebsche an diesen Laendern ist der kostenlose Transport, natuerlich nicht gaenzlich, aber im Vergleich zu Europa doch beinahe. Was sind schon sieben Cent fuer eine Fahrt mit der Metro? Taxis auch. Nachdem ich mir in der Stadt ein paar Leute gefunden hatte, machten wir Tagesausfluege  zu interessanten Dingen im Umland, ein paar hundert Kilometer fuer umgerechnet 40 Euro, welche wir dann noch durch vier teilen konnten.
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David Garetja..
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..Felsenkloster..
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.. im  unbewohnten Grenzgebiet..
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..zu Aserbaidschan.
Man merkt Georgien an, dass es die zweite christliche Nation der Geschichte war, und auch wenn mich an Kloestern und Kathedralen weniger das spirituelle als die Architektur interessiert, ist es doch faszinierend mitanzusehen.
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Nach Tagen voll von Baumriesen..
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..Kirchen..
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..beinahe italienisch wirkenden Doerfern..
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und einer Schriftart die ich nach einer dieser laengeren Fahrten auch tatsaechlich lesen, wenn auch nicht verstehen konnte, schaffte ich es dann nach Tiflis – auf die George W. Bush-street.