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India

Es kann  stressvoll werden,wenn du dich nachts von Musik und Menschenlaerm angelockt, in einen Tempel verirrst. Ganz besonders,wenn du schlussendlich nicht mehr widerstehen kannst und eine Kamera auspackst, mit der du auf diskrete Art (hohe Iso statt aufaelligem Blitz) ein paar Erinnerungen erhaschen willst. People watching.  Eines der vielen Augenpaare, die dir schuechtern folgen, sieht es naemlich bestimmt und was danach passiert ist anders als in Europa. „Mach ein Foto von mir!“ anstatt dem feindseligen Hinweis auf das „Recht am eigenen Bild“. Du machst es und merkst dass  du ohne Blitz verloren bist. Du schaltest ihn ein, fotografierst nochmal. Es ist nicht perfekt aber immerhin schon besser. Du richtest deinen Blick auf die Kamera, ueberlegst wie Whitebalance und Shutter fuer diese Lichtbedingungen eingestellt werden muessen, verringerst die ISO als du ploetzlich Haende an deinem T-shirt spuerst, Finger welche sich um deinen Arm legen. Du blickst auf und realisierst erst dann,dass etwa ein Dutzend Leute einen engen Kreis um dich gebildet haben. Du fuehlst dich eingeschlossen und spuerst etwas Klaustrophobie hochkommen, beschliesst aber erstmal einfach zu schauen was passiert.

Du willst nicht in die Kamera schauen? Kind! Du weisst ja noch gar nicht was gut ist.

Es ist okay, noch will man dich nicht lynchen. Man will nur Fotos von dir, gleiches Recht fuer alle und du freust dich ueber soviele Leute.

20 Minuten spaeter bist du immer noch da, die Anzeige fuer deinen Akku faerbt sich rot und die Zahl, welche die auf dieser Speicherkarte noch moeglichen Fotos angibt, ist zweistellig geworden, du beschliesst zu gehen. Du willst niemandem auf Hindi erklaeren,dass zwar alle seine Freunde Portraits haben, es genau bei ihm  jetzt aber leider nicht mehr geht. Kannst du auch gar nicht. Du suchst den Weg zum Ausgang, zehnmal „sorry“, dreimal „I have to go“ spaeter bist du fast da, 2m noch. Du laesst dich fuer ein letztes Foto breitschlagen, nicht perfekt. Okay. Noch eins! Jemand kommt dazu. Eins noch mit ihm!
Du bist draussen, murmelst ein Halleluja und freust dich bereits wieder auf dein 993tes Curry.

Status:

Ich sitze in Goa fest, nachdem mehrere Muren die Zugverbindung nach Mumbai unterbrochen haben. Man kann hier ausser ..

.. nicht viel tun. Stoert nicht.

Moriz war zufrieden.

Ich bin im Gegensatz zu meinem Reisegefaehrten absoluter Liebhaber indischer Kueche und nahe am Vegetarier, trotzdem konnten (lies: wollten) wir an diesem wundervollen KFC nicht vorbei gehen. Noch weniger weil es mein Geburtstag gewesen ist und man sich zumindestens dann wie ein kulturimperalistischer Kleinbuerger benehmen darf,kulinarisch. Widersprich mir jetzt nicht.

Lektion 2: Verbrechen schmeckt nicht.

Abbildung aehnlich (c) google

Wer in Kerala Alkohol verkaufen will, braucht dafuer eine teure Lizenz, was praktisch einer Prohibition gleich kommt, nur waere es natuerlich nicht Indien wenn sich daran auch nur irgendjemand halten wuerde. Fuehrt jetzt dazu, dass (australisches) Bier in Teekannen und farbigen Plastikflaschen serviert wird,die ziemlich nach „Dreh & Trink“ aussehen. Jungbrunnen,ich fuehlte mich wieder wie zehn und dass ich die Flasche unter dem Tisch halten musste,um die Nerven des nervoesen Restaurantbesitzers zu schonen, tat sein uebriges. So weit so gut, nach dem ersten skeptischen Blick waren Moriz und ich guter Dinge, das erste gemeinsame Bier in Indien und das sogar noch durch den Reiz des Verbotenen gesuesst? Es waere nicht „Indien fuer Dummies“, wenn die Ernuechterung nicht sofort gefolgt waere. Der erste Schluck verzerrte mir nicht das Gesicht, es war weder bitter, noch schmeckte es nach Seife und Plastik,wie es die Flasche und die Schaumkrone vermuten ließ, es schmeckte aber leider auch nicht nach Bier. 1.5Euro fuer einen Schluck gewaessertes Hefezeug verloren und etwas begrenztes Heimweh gewonnen.

Lektion 1:

Wenn du vor einem Haus oder Geschaeft wartest, stelle unter allen Umstaenden sicher, dass du dich nicht direkt unter der Dachkante befindest.

Es dauert sonst eventuell nicht lange bis du eine warme Fluessigkeit auf deine Schulter rinnen spuerst und wenn du daraufhin zwei Schritte in Richtung Strasse machst, wirst du  sehen, dass es sich dabei leider nicht um den Sommernachtstraum von Regenwolke ueber dir handelt. Stattdessen ist es ein kleines Maedchen in der Hocke, das dir ein wirklich boeses Gesicht zeigt, als du es ebenso bloed wie fassungslos beim Pinkeln beobachtest.