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Firlefanz

We knew the world would not be the same. A few people laughed, a few people cried, most people were silent. I remembered the line from the Hindu scripture, the Bhagavad-Gita. Vishnu is trying to persuade the Prince that he should do his duty and to impress him takes on his multi-armed form and says, „Now, I am become Death, the destroyer of worlds.“ I suppose we all thought that one way or another.

-J. Robert Oppenheimer

Ich kann es aus dem Kopf zitieren, kann  es laut aussprechen aber es wirklich wiedergeben kann ich nicht. Ich versuch es natürlich, spreche vor mich hin, füge Pausen hinzu, Betonungen und Geschwindigkeitswechsel aber was einfach fehlt ist der Schmerz, der in Oppenheimer durch jede Sprache seines Körpers lebte. Ein Schmerz der seiner gebrechlich wirkenden Gestalt gleichzeitig auf seltsame Art unglaubliche Anmut verlieh, was sich auch so viele Jahre später noch nicht verändert hat.

Fuckushima ’11.

Es ist das erste Mal, dass ich eine Rede gehalten habe. Tatsächlich. Und gestern Nacht erst geschrieben, wurde sie heute früh im Hörsaal 42 der Universität Wien dann auch schon Wirklichkeit. Ganz ehrlich, ich war ziemlich nervös. Und auch wenn mein Gesicht eher kühl geblieben ist, mein Körper hat mich verraten und mein Blick ebenso. Er war etwas zuviel auf den Zettel gerichtet und noch dazu einfach sinnloserweise nachdem ich den Text ohnehin auswendig konnte, aber es ist okay. Ich lerne noch.

Transkript:

Schau dir erst das Video an! Eine Rede mit oder sogar davor schon zu lesen, zerstört sie.

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Ein sehr intelligenter Mann hat mal gesagt, dass die Welt ein Buch ist. Und jemand der nicht offen für anderes ist, jemand der nur an einem Ort bleibt und nicht verreist, der wird in seinem Leben von diesem Buch, das wortwörtlich schönste der Welt, nur eine einzige Seite lesen. Und das wäre doch traurig, oder nicht?

Aber ja natürlich. Diese Seite die für uns hier aufgeschlagen wurde, ist eigentlich wirklich nicht so schlecht.  Österreich ist wenn man nicht allzutief gräbt, schon ganz okay. Ich mein, wir sind ein unschuldiges Land, nicht nur unsere Politiker sondern im großem und Ganzen,  in unserem Alltag. Wir haben keinen Krieg und auch wenn manche Leute hart daran arbeiten, auch die Armut ist noch nicht so verbreitet wie an vielen anderen Orten. Wir verhungern nicht Und wir brauchen auch keine Angst davor zu haben. Aber bevor du jetzt die Augen zuschlägst, ich bin nicht hier um über Österreich zu reden und nein, ich will auch nicht über Unschuld und Unschuldsvermutung reden. Wie der Hase läuft, das wissen wir hier ohnehin alle.

Der Punkt ist, es geht mir hier eben nicht um Österreich. Es geht mir um etwas ganz anderes, geographisch anderes, kulturell anderes und menschlich anderes. Also was will von euch? Ich will konkret eines: Ich will, dass ihr aus eurem Nest hinaus lauft. Ich will dass ihr Wien verlasst und einfach mal wegfährt und zwar weit wegfährt. Ich will dass ihr das alleine tut, und ich will dass ihr das bald tut.

Ihr fragt also, was will ich damit FÜR euch? Nun, FÜR euch und das dürft ihr mir glauben, will ich nur das Beste. Also warum benutze ich dann meine Zeit dafür euch WEG haben zu wollen? Warum will ich dass ihr jetzt endlich mal eure sieben Sachen packt und endlich alle verschwindet?

Oder, um es etwas weniger zweideutig auszudrücken, warum will ich von euch dass ihr auf Reisen geht? Warum will ich dass ihr fremde Kulturen kennenlernt und andere Sitten lebt als ihr es hier tut?

Nun, ihr werdet es wahrscheinlich schon gemerkt haben, aber ich spreche hier aus Erfahrung und ich bin jetzt hier weil ich sie mit euch teilen will. In anderen Worten, Ich bin hier weil ich etwas weiß. Ich weiß, dass diese Erfahrung seinen Rucksack zu nehmen und einfach  mal für einige Zeit seine Welt gegen eine andere zu tauschen, diese Erfahrung mit sich selbst allein in der Fremde zu sein, in jedem einzelnem von euch etwas bewirken kann. Und zwar etwas Gutes.

Macht euch aber keine Illusionen, leicht ist dieser Prozess nicht und fürchten, ja, dass werdet ihr euch! Aber trotzdem, keine Sorge. Diese Furcht ist nämlich das woran ihr wachsen werdet. Diese Furcht ist das wovon ihr euch emanzipieren und lösen werdet. Diese Furcht, und das verspreche ich weil ich mir genau so erging, wird bald verschwunden sein.

Meine Schlussworte sind, und ich will dass ihr jetzt noch ein letztes Mal zuhört. Meine Schlussworte sind, dass die Welt ein sehr schöner Ort ist. Und meine lieben Kollegen, ich will dass ihr mutig seid und diese Welt auch erforscht. Ich sage euch nämlich, Ihr werdet es nicht bereuen.

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Du willst mich verreissen, etwas zu meiner Stimme im modulationsarmen Bassbariton sagen oder mich einfach nur mit Insiderwitzen verwirren? Du willst mit mir reden, mich freuen oder mich schlicht verwünschen?

Easy, machs in den Kommentaren!

Ein gewisser „Ferdinand von Schirach“ schreibt ein Buch mit dem Titel „Verbrechen“? Ganz besonders in Wien erregt dieser Name berechtigterweise direkt Aufmerksamkeit, denn wenn auch die Mehrheit der geneigten Leser den Teufel in Gestalt dieses Menschen nicht mehr persönlich kennt, ist er doch vielen noch ein Begriff. Ist es also verwerflich auf diesen Namen erst mal instinktiv mit Unwollen zu reagieren, weil er durch die Verbrechen eines Mannes derart befleckt wurde, welcher 1942 in einer Rede die Deportierung von tausenden Wiener Juden zynisch als „aktiven Beitrag zur europäischen Kultur“ feierte? Es ist eine Frage die so manchen wohl in Zwiespalt bricht, denn im Vergessen, Verleugnen und Relativieren ist nicht jeder Österreicher wirklich so österreichisch wie es manchmal den Anschein hat und auch wenn der objektive Teil eines Menschen bestimmt sehr rasch feststellen wird, dass Gedanken an Sippenhaft und Schuldgene  ihn ironischerweise auf dieselbe Ebene bringen wie jene die man verurteilen möchte, ist ein gewisser Anfall von Misstrauen, und zwar besonders für Individuen mit gewissen familiären Hintergründen, doch leider in erster Linie eines: menschlich. Menschlich ist allerdings nach dem ersten Schock ebenso gefordert, Personen nicht nach Dingen und Taten zu beurteilen, welche sie nicht beeinflussen konnten und dass sich Ferdinand von Schirach, der mit dem Gauleiter von Wien tatsächlich nicht nur den Nachnamen sondern eine direkte Blutlinie gemein hat, sich das so schlicht nicht aussuchen konnte, dürfte doch einem jedem einleuchtend sein.

Schirach der Jüngere wurde 1964 noch während der Lebenszeit seines bekannten Großvaters in München geboren wo er auch unter anderem aufwuchs, bevor es ihn für das Studium der Rechtswissenschaften nach Bonn zog, um sich nach dem erfolgreichen Abschluss letztendlich als Rechtsanwalt in der Hauptstadt niederzulassen. Von Schirach spezialisierte sich dort auf die Strafverteidigung und das ist insofern relevant als es für sein literarisches Werk von grundlegender Bedeutung ist. Schirachs Debut ist nämlich eine Sammlung von literarischen Verarbeitungen seiner tatsächlichen Fälle, oder so sagt er zumindest. Von Schirach weiß als Anwalt aber natürlich sehr genau, dass dies eigentlich strafbar ist, schließlich unterliegt sein Standeskörper ähnlich wie medizinisches Personal einer sehr strengen Schweigepflicht aber er löst dieses Dilemma elegant, in dem er nicht nur die Namen und Orte austauscht sondern seine Kurzgeschichten vor allem auch auf das wesentliche reduziert, nämlich wertungsfrei beschriebene Täter und Opfer wobei sich sein Werk dadurch auszeichnet, dass die Sympathien und das Mitgefühl oftmals nicht so klar verteilt sind wie es diese zwei Wörter eigentlich von einem guten gesetzestreuen Menschen verlangen würden.

Schirach …

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Mea culpa wenn du jetzt noch weiterlesen willst, Teil 2 von 2 der Rezension folgt demnächst.

ein industrieller Alptraum

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Wenige Kilometer waren es, die das Kraftwerk von 48.000 Menschen trennten

1986 (klick für ein unverzerrtes Bild)

Hoffnung

September ’09

16.03. 2011:

Mein neun Monate alter Beitrag weisst momentan 4400% mehr Zugriffe auf, als zu einem beliebigen Zeitpunkt vor dem 11. März um 6. 46 Uhr Wiener Zeit und mit jeder Hiobsnachricht aus Japan werden es mehr.