Verbrechen


Ein gewisser „Ferdinand von Schirach“ schreibt ein Buch mit dem Titel „Verbrechen“? Ganz besonders in Wien erregt dieser Name berechtigterweise direkt Aufmerksamkeit, denn wenn auch die Mehrheit der geneigten Leser den Teufel in Gestalt dieses Menschen nicht mehr persönlich kennt, ist er doch vielen noch ein Begriff. Ist es also verwerflich auf diesen Namen erst mal instinktiv mit Unwollen zu reagieren, weil er durch die Verbrechen eines Mannes derart befleckt wurde, welcher 1942 in einer Rede die Deportierung von tausenden Wiener Juden zynisch als „aktiven Beitrag zur europäischen Kultur“ feierte? Es ist eine Frage die so manchen wohl in Zwiespalt bricht, denn im Vergessen, Verleugnen und Relativieren ist nicht jeder Österreicher wirklich so österreichisch wie es manchmal den Anschein hat und auch wenn der objektive Teil eines Menschen bestimmt sehr rasch feststellen wird, dass Gedanken an Sippenhaft und Schuldgene  ihn ironischerweise auf dieselbe Ebene bringen wie jene die man verurteilen möchte, ist ein gewisser Anfall von Misstrauen, und zwar besonders für Individuen mit gewissen familiären Hintergründen, doch leider in erster Linie eines: menschlich. Menschlich ist allerdings nach dem ersten Schock ebenso gefordert, Personen nicht nach Dingen und Taten zu beurteilen, welche sie nicht beeinflussen konnten und dass sich Ferdinand von Schirach, der mit dem Gauleiter von Wien tatsächlich nicht nur den Nachnamen sondern eine direkte Blutlinie gemein hat, sich das so schlicht nicht aussuchen konnte, dürfte doch einem jedem einleuchtend sein.

Schirach der Jüngere wurde 1964 noch während der Lebenszeit seines bekannten Großvaters in München geboren wo er auch unter anderem aufwuchs, bevor es ihn für das Studium der Rechtswissenschaften nach Bonn zog, um sich nach dem erfolgreichen Abschluss letztendlich als Rechtsanwalt in der Hauptstadt niederzulassen. Von Schirach spezialisierte sich dort auf die Strafverteidigung und das ist insofern relevant als es für sein literarisches Werk von grundlegender Bedeutung ist. Schirachs Debut ist nämlich eine Sammlung von literarischen Verarbeitungen seiner tatsächlichen Fälle, oder so sagt er zumindest. Von Schirach weiß als Anwalt aber natürlich sehr genau, dass dies eigentlich strafbar ist, schließlich unterliegt sein Standeskörper ähnlich wie medizinisches Personal einer sehr strengen Schweigepflicht aber er löst dieses Dilemma elegant, in dem er nicht nur die Namen und Orte austauscht sondern seine Kurzgeschichten vor allem auch auf das wesentliche reduziert, nämlich wertungsfrei beschriebene Täter und Opfer wobei sich sein Werk dadurch auszeichnet, dass die Sympathien und das Mitgefühl oftmals nicht so klar verteilt sind wie es diese zwei Wörter eigentlich von einem guten gesetzestreuen Menschen verlangen würden.

Schirach …

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Mea culpa wenn du jetzt noch weiterlesen willst, Teil 2 von 2 der Rezension folgt demnächst.

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9 Kommentare
  1. 1a!

    • moriz sagte:

      tolle homepage hast du da!

  2. moriz sagte:

    ein paar beistriche hätts noch vertragen, ansonsten super (typographie auch)!

    • philembrelly sagte:

      Du hast Recht, kommen noch und nachdem ich es jetzt immerhin schon aus meiner persönlichen Typographiesteinzeit hinaus geschafft habe, auch dank dir, nehme ich diese Strichlein jetzt als nächstes in Angriff.

  3. mickzwo sagte:

    Hallo philembrelly,

    ich habe das Buch auch gelesen. Es hat mir sehr gut gefallen, weil die Sprache so klar ist. Die Verbrecher werden nicht bewertet. Das kann ein Leser dann selbst immer noch vornehmen. Und es schaut nicht durch ein imaginäres Schlüsselloch, und klopft sich vor Vergnügen auf die Schenkel.
    Der Name war mir sofort bekannt, darum war es um so spannender so ein interessantes Buch zu lesen.
    Ich glaube auch nicht ererbte Schuld. Das ist Quatsch, dann hätte ja die Blutrache wirklich eine Berechtigung. Aber ich glaube an eine Verantwortung, die man als Mensch hat.
    Gruss mick.

    Ps.: Verantwortung: Heinrich Böll, Billard um halb zehn. – ist zwar schon ein bisschen alt, aber nicht angestaubt.

    • philembrelly sagte:

      Ach, kein Staub der Welt kann nicht durch ein paar flinke Gesten und Bewegungen verwischt werden.
      Ich hab mir das Buch gerade eben auf den Reader geladen, freue mich schon darauf es lesen zu können.

      Es ist wahrscheinlich ohnehin weniger die Vererbung als das Umfeld, welches Misstrauen hervor ruft. Manchmal mündet die Ablehnung die jemanden aufgrund familiärer Banden entgegen schlägt, nämlich leider weniger in Demut als in einer Trotzreaktion.

      Ich mag den neuen Blog! ist schon in großen Lettern rechts verlinkt.

      • mickzwo sagte:

        Demut gehört ja auch zu den schwierigeren Dingen. Trotz ist dagegen eher einfach zu haben. Wie die Wut und die Angst – die meiner Ansicht nach ja Geschwister sind. Zur Demut gehört ja eine gehörige Portion Mut.
        Ich bin gespannt darauf, wie Du das Buch empfindest. Noch mehr gespannt bin ich auf den zweiten teil der Rezension vom ‚Verbrechen‘.
        Dass Dir mein neuer Blog gefällt, das freut mich wirklich sehr.

        gruss mick

  4. mickzwo sagte:

    Hallo philembrelly,

    ich habe noch ein Buch zum Thema gefunden Es heißt „Der Schatten meines Vaters“ und ist vom Sohn des Verbrechers geschrieben. Spannend.
    http://allesmitlinks.wordpress.com/2011/10/16/der-schatten-meines-vaters/

    Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
    gruss mick

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