Sheki


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Ich kam etwas exotisch mit der Post an, aber es hat sich gelohnt, der Laenge nach auf einer Mischung aus Holzkisten und Zeitungstapeln zu liegen, haette ich in einer Mashrutka nicht haben koennen. Porto ist auch nicht so schlimm gewesen und ich kam relativ gut gelaunt an, auch wenn das bald getruebt wurde, als ich erstmal zwei Stunden damit verbrachte ein Hotel zu suchen. Angefangen bei den guenstigsten, aber sie waren alle komplett ausgebucht, warum auch immer. Gerade als ich mich abfinden wollte, die 16$ oder mehr fuer die Nacht ausgeben zu muessen, kam ein Mensch in meinem Alter auf mich zu und erkundigte sich in perfektem Englisch, ob ich denn Hilfe benoetigen wuerde. Nun gut, ein Internetcafe waere ganz huebsch gewesen und ich fragte ihn danach. War auch kein Problem, wirklich gefreut habe ich mich dann aber, als er mir einfach anbot,die Nacht im Haus seiner Familie zu verbringen. Klang mehr als gut und ich nahm dankend an.
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Vusal mit meinem geliebten Kopfmassageding, dass er auch ganz toll fand.
Er ist ein netter Kerl,vielleicht abgesehen davon, dass er seine Schwester enthaupten wuerde, wenn sie eine voreheliche Beziehung eingeht, weil das seine „tuerkischen Traditionen“ von ihm als Bruder und Waechter der Ehre verlangen. Und Juden natuerlich auch ein ganz grosses Uebel sind, passend dazu, dass Hitler ein „beautiful man“ war. Nun gut, ich fand es irgendwie interessant, da ich noch nie die Chance hatte, mit so einem Menschen zu reden, auch wenn es mich vor ein gewisses Dilemma stellte. Ich war der Kuehlschrankvertreter am Nordpol, oder wie verkauft man einem Antisemiten, dass der Holocaust vielleicht doch nicht ganz so leiwand gewesen ist und sexuelle Selbstbestimmung alles andere als ein Werk Satans darstellt.
Es war dann in dieser Hinsicht aber etwas enttaeuschend, da sein Englisch unverstaendlich wurde und er wild die Themen wechselte, wenn ich ihn aufregte und das gelang mir mit meinen humanistisch gepraegten Ansichten doch die meiste Zeit.
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Stoff den er mir zum lesen gab, oder zum anschauen. Wie auch immer. Es war naemlich mehr ein Bilderbuch, nur keines von denen die ich frueher so geliebt habe sondern eher voll von Leichen, Leid und Zerfall. Und Schuldzuweisungen an die armenischen Bestien. Was ich darin nicht fand, war die Erwaehnung des an eben jenen begangen Genozids oder dem Massaker von Sumquait, welches die Spirale der Gewalt massgeblich in Schwung brachte, die im Krieg ueber Bergkarabach ihr Ende fand. Propaganda also, nur wer hat Interesse derart einseitigen, unreflektierten Hass zu schueren? Die Antwort darauf fand ich im Vorwort, „published by the state department of Azerbaijan.“ Ein Nebensatz, ganz unscheinbar in tausenden Woertern verborgen und trotzdem alles in den Schatten stellend.

Aserbaidschan hat den Krieg gegen Armenien damals verloren und das ist bis heute nicht aufgearbeitet. Unter anderem weil die Regierung kein Interesse daran hat. Viel zu gut passt so ein Feindbild in die Agenda eines Staates und Praesidenten, den wahrscheinlich nicht einmal Gerhard S. als lupenrein bezeichnen koennte.  (vgl) Eben jener naemlich, welcher ein Gesetz verabschieden liess, dass Wahlen im Kriegszustand als unnoetig ansieht. (Waffenstillstand =! Friedensabkommen)
Laecheln als ich die Geschichte ueber den Eurovision Songcontest im Hinblick auf diesen Konflikt hoerte, beschreibt es das Verhaeltnis  mit Armenien doch mehr als gut. Letztere will dort naemlich einfach niemand sehen, also gab es in Aserbaidschan anstatt des Beitrages nur Werbung zu sehen und am Ende als eine Tafel alle Laender mit den jeweiligen Nummern anzeigte, um die Menschen zum anrufen zu bewegen, ist ein gewisser Teil des Bildschirms merkwuerdig schwarz gewesen. Man darf sich vorstellen was dort eigentlich zu sehen gewesen waere und das es in Armenien unzensiert lief auch.
Was Vusal mir in Buchform ueber das eine Feindbild gab, brachte das Fruehstuecksfernsehen dann ueber ein anderes, Kurden. Ewiger Nemesis der Turkvoelker. Als ich bei eben jenem naemlich vom Teller aufblickte, sah ich das  Gesicht des Vaters merkwuerdig verfinstert. Wut und Trauer wechselten sich im Sekundentakt ab und ich brauchte erst einen Augenblick um den Schuldigen im Bildschirm zu finden. Ein wortloser Beitrag, nur Musik und der Anblick auf nach einem Anschlag verstuemmelte Menschen deren Namen eingeblendet wurden, nur unterbrochen von „neden“, dem tuerkischen Wort fuer „warum?“. Es war zugegeben faszinierend mitanzusehen welche Wirkung es auf diese Menschen hatte, nur ist die Aehnlichkeit mit den Hassminuten in George Orwells Dystropie „1984“  doch furchteinfloesend groß gewesen.

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1 Kommentar
  1. susanne büsing sagte:

    hallo phil, bin total angetan von deinen fotos und berichten über
    den kaukasus, deine differenzierte wahrnehmung und die art und weise wie du menschen, begegnungen mit menschen beschreibst haben mich so neugierig gemacht,daß ich dein blog bis thailand gelesen habe – kompliment für stil und sprache. alles gute für deine weitere
    reise!

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